INDUSTRIEHAUS: Mrs. Brachmaier legte die GG Group (Gebauer & Griller) 2018 den Grundstein für eine globale Nachhaltigkeitspolitik, ein Jahr später erschien der erste Nachhaltigkeitsbericht der Unternehmensgeschichte. Fühlt sich das nur gut an oder zahlt es sich wirtschaftlich aus?
Iris Brachmaier: Nachhaltigkeit und ESG werden für den Erfolg in unseren Schlüsselmärkten immer wichtiger. Unsere Kunden und Stakeholder, wie Banken oder Finanzpartner, achten zunehmend darauf, wie wir Nachhaltigkeit in unsere Geschäftstätigkeit als Unternehmen integrieren. Und natürlich: es fühlt sich gut an.
Autohersteller schauen gerne genauer hin, oder?
Brachmaier: Manchmal wundert man sich über den Anteil an Recyclingmaterial-Anteilen in Kabellösungen. Anfragen, mit denen wir wiederum unsere Lieferanten nicht verschonen.
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Wie automatisierbar sind diese Prozesse?
Brachmaier: Dafür braucht es ein umfassendes Datenmanagement. Hier ist es wichtig, digitale Lösungen zu entwickeln, damit alle Kennzahlen im gesamten Konzern auf Basis einheitlicher Regelungen erstellt werden. Die Daten können dann gemäß den Meldepflichten gemeldet werden. Abfrageantworten sind jederzeit auf Knopfdruck verfügbar.
Mit der EU-Taxonomie oder der CSR-Richtlinie gibt es Vertrautheitsmaterial, mit dem produzierende Unternehmen nicht so schnell gelangweilt werden. Wer verbindet die Fäden zum Unternehmen?
Brachmaier: Um den Anforderungen gerecht zu werden, haben wir im April eine eigene ESG-Funktion in meiner Abteilung Corporate Development und HR eingerichtet. Wir haben diese Position intern mit einem Partner besetzt, für den dies der nächste logische Schritt in seiner Entwicklung und Karriere bei GG ist.
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Es kommt also auf ihn an, dass viele Schrauben in der Gruppe gedreht werden und er möglichst koordiniert ist?
Brachmaier: Kurz gesagt ja. Unter dem Titel „Together4Tomorrow – T4T“ haben wir ein interdisziplinäres Gruppenprogramm gestartet, das von dieser neuen Funktion verwaltet wird. Unsere konzernweite ESG-Roadmap sollte diesen Herbst in Kraft treten. Dann wird ESG ein integraler Bestandteil unserer Unternehmensstrategie sein, das Rückgrat all unserer Geschäftsprozesse.
Die GG Group hat kürzlich den Wechsel von einer divisionalen zu einer funktionalen Organisationsstruktur vollzogen. Was ist jetzt alles – schneller?
Brachmaier: Auf jeden Fall schneller und noch kundenorientierter. Gleichzeitig haben wir viel weniger Komplexität in der gesamten Organisation. In einigen Fällen hatten die zentralen Funktionen zuvor doppelte Berichtslinien, die entfernt wurden. Im ersten Schritt wurden die bestehenden Bereiche in die funktionalen Säulen unter der Führung von CEO, COO und CSO/CTO überführt. Infolgedessen kaskadierte diese Änderung auf alle anderen Ebenen des Organigramms. Der Kern unserer neuen Organisationsstruktur ist seit Ende 2020 in Betrieb. Im vergangenen Jahr haben wir die Organisation und die Prozesse perfektioniert. Natürlich endet dieser Veränderungsprozess nicht über Nacht.
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Wie wirken sich die Herausforderungen einer instabilen Weltlage auf Ihre Humanressourcen aus?
Brachmaier: HR befindet sich seit zwei Jahren in einem perfekten Sturm. Zuerst kam der Covid, jetzt die Krise in der Ukraine, Unterbrechungen der Lieferkette, Materialverfügbarkeit, Energiekosten und Inflation. In vielen Organisationen musste HR in den letzten 15 oder 20 Jahren hart um den sogenannten „Tischplatz“ kämpfen. Es geht darum, als egalitärer Partner mit tiefen Wurzeln im Kerngeschäft des Unternehmens und als Coaching-Partner für Level C wahrgenommen zu werden. In den letzten zwei Jahren hat sich die organisatorische Position endgültig gefestigt.
Warum geht alles ohne Personal?
Brachmaier: Ohne eine starke Menschenorientierung von Organisationen sind Störungen nicht zu bewältigen. Wir bewegen uns nicht mehr in einer komplizierten Welt, nicht in einer komplexen, sondern jetzt in einer chaotischen Welt. Daher haben wir die emotionalen und psychologischen Herausforderungen unserer Mitarbeiter aktiv gemeistert und unsere Führungskräfte dabei unterstützt, bestmöglich mit Unsicherheiten umzugehen.
Talentforschung fordert Unternehmen heraus. Wie sichert man sich die besten Köpfe?
Brachmaier: Die betriebliche Ausbildung ist ein notwendiges Grundelement unseres allgemeinen Bildungssystems. Leider „produziert“ unser Bildungssystem nicht alle Fähigkeiten, die in der Wirtschaft benötigt werden. Die von uns geforderte Ausbildung in den MINT-Fächern wird noch nicht ausreichend akzeptiert und leider besteht noch immer ein Gender Gap in der Ausbildung zwischen den Berufen von Frauen und Männern. Wir investieren stark in Aus- und Weiterbildung. In diesem Jahr haben wir den „Expert Talent Hub“ ins Leben gerufen und den „Expert Career Track“ als Pilotprojekt in unserer Entwicklungsabteilung eingeführt. In der Fachlaufbahn gelten die gleichen Gehaltsbänder wie in der entsprechenden Führungslaufbahn.
Was denken Sie: Wo wird der Frauenanteil in der GG Group in ein paar Jahren sein?
Brachmaier: Bis 2025 wollen wir konzernweit 30 Prozent unserer wichtigsten Führungspositionen mit Frauen besetzt haben. Aktuell sind wir bei 21 Prozent. Das ist machbar.
Wie klischeehaft sind die gängigen Bilder von alten Jahrgängen, oder anders gesagt: lernt man aus seiner Jugend?
Brachmaier: Ich finde es nicht grundsätzlich neu oder überraschend, dass künftige Generationen anders arbeiten als frühere. Die Jugend von heute hat jedoch andere Ausdrucksmittel und bringt ihre Meinung auch deutlicher zum Ausdruck. Und das Sprichwort „Diamanten sind aus Druck gemacht“ hat sich in die Arbeitswelt eingebürgert. Druck und Führung durch „Demand and Control“ funktionieren in der Arbeitswelt nicht mehr. Und das ist auch nicht nötig, wenn Sie in einer Vertrauenskultur arbeiten, in der sich die Mitarbeiter wohlfühlen.