Kommentar zu Europa: Scholz und Macron müssen ihren Streit endlich beilegen

– Scholz und Macron müssen ihren Streit endlich beilegen

Deutschland und Frankreich driften gerade im Krisenjahr politisch auseinander. Es wäre fatal für Europa, wenn diese Entwicklung zu einer dauerhaften Entfremdung führen würde.

Nikolaus Richter

Gepostet heute um 10:55 Uhr

Gute Miene beim Krisenmittagessen: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (links) empfing am Mittwoch Bundeskanzler Olaf Scholz zum Mittagessen in Paris.

Foto: AFP

Gut, dass Bundeskanzler Olaf Scholz und der französische Präsident Emmanuel Macron am Mittwoch gemeinsam zu Abend gegessen haben. Das gemeinsame Essen auf höchstem Niveau hat die deutsch-französischen Beziehungen oft erleichtert, wenn nicht sogar gerettet. Die Männerfreundschaft zwischen Jacques Chirac und Gerhard Schröder kam erst zustande, nachdem die beiden ihren hitzigen Showdown um ein „Geld“ im Elsass für beendet erklärt hatten.

Für Europa wäre es wünschenswert, wenn sich Scholz und Macron wieder näher kommen. In letzter Zeit haben sie nicht versucht, ihren Streit miteinander zu verbergen. Im Schloss von Fontainebleau, wo am Mittwoch die Minister der beiden Regierungen zusammenkommen sollten, bleiben die langen Tische vorerst leer. In Brüssel spottete Macron zuletzt über die „isolierten“ Deutschen, die er immer wieder an den großen europäischen Tisch zu holen versuche.

Zwischen Berlin und Paris gab es immer wieder Interessenskonflikte und Enttäuschungen. 2017 etwa hielt Macron eine Rede über die europäische Unabhängigkeit, die die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel aus Sicht von Paris ignorierte, vielleicht weil Macron den europäischen Speiseplan etwas zu eigenständig gestalten wollte. Solche Stimmungen ließen sich allerdings immer mit einem Glas Wein überwinden: Zum Abschied lud Macron die Kanzlerin nach Burgund ein, wo die beiden längst wie alte Vertraute wirkten. Offensichtlich haben Macron und Scholz diese Nähe nicht zueinander entwickelt.

Doch jenseits des Atmosphärischen gibt es auch Grundsatzstreitigkeiten. Während Paris auf Atomkraft angewiesen bleibt, würde Berlin lieber eine Gaspipeline durch die Pyrenäen schieben, was Frankreich ablehnte. Militärische Angelegenheiten sind noch heikler: Deutschland gibt jetzt seit langem Milliarden für die Aufrüstung aus, lässt Frankreich aber nicht an den potenziellen industriellen Vorteilen teilhaben. Das deutsch-französische Kampfjet-Projekt FCAS stockt, während die Bundesregierung in den USA hergestellte F-35-Jets bestellt und mit den USA und Israel einen Raketenschild entwickelt.

Der Krieg in der Ukraine hat einen alten Kernkonflikt zwischen Berlin und Paris verschärft. Macron wirbt seit Jahren für “europäische Souveränität”, also Unabhängigkeit. Für die Verteidigung bedeutet dies, sich auf europäische Technologie und deutsch-französische Führung zu verlassen. Deutschland hingegen ist abhängig vom größten Militärbündnis, der Nato, und mittlerweile auch stark vom Kriegsgerät der USA abhängig.

Dieser Streit könnte zu einer dauerhaften Entfremdung führen, zumal in Paris der Verdacht wächst, dass Berlin immer weiter auseinander driftet. “Deutschland blickt immer weiter nach Osten”, schreibt der Historiker Jacques-Pierre Gougeon in “Le Monde”. Aus französischer Sicht beschäftigt sich die Bundesregierung seit Beginn des Ukraine-Krieges zunehmend mit Mittel- und Osteuropa und sieht sich im Zuge der EU-Erweiterung möglicherweise noch stärker als Zentrum Europas Ost. die Ausgaben Frankreichs.

Am deutsch-französischen Tisch wurde viel gestritten, aber wir wussten immer, dass wir einander brauchen. Chirac und Schröder haben bei ihrem gemeinsamen Widerstand gegen den Irak-Krieg 2003 gelernt, dass man den USA nicht immer trauen kann. US-Präsident Joe Biden mag jetzt Wladimir Putins wichtigster Verbündeter gegen Russland sein, aber wer weiß, wer nach Biden kommt?

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