Stand: 05.09.2022 17:37
Die Olympischen Spiele 1972 in München sollten als besonders freudig in die Geschichte eingehen. Aber sie endeten in einem Blutbad. Bundespräsident Steinmeier sprach bei der Gedenkfeier von einem “dreifachen Versagen” der Verantwortlichen.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich bei den Angehörigen der Opfer des Olympiaanschlags von 1972 entschuldigt: „Ich bitte Sie als Staatsoberhaupt dieses Landes und im Namen der Bundesrepublik Deutschland um Verzeihung für den fehlenden Schutz israelischer Athleten bei Olympia in München und für den Mangel an Informationen danach – dafür, dass das, was passiert ist, passieren könnte”, sagte Steinmeier am Nachmittag bei einer Gedenkveranstaltung in Fürstenfeldbruck zum 50. Jahrestag des Attentats.
Am 5. September 1972 nahmen palästinensische Terroristen israelische Besatzungsmitglieder als Geiseln. Die Befreiungsaktion auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck scheiterte. Am Ende wurden elf Israelis, ein bayerischer Polizist und fünf Terroristen getötet. Jahrzehntelang kämpften Israels Hinterbliebene erfolglos um Entschädigung, Entschuldigung und Geschichtsrevision. Erst vergangene Woche wurde eine Einigung erzielt, die eine Entschädigung von 28 Millionen Euro beinhaltet. Der Bund übernimmt 22,5 Millionen Euro, der Freistaat Bayern fünf Millionen Euro und die Stadt München 500.000 Euro.
„Schweigen, verdrängen, vergessen“
Zur traurigen und schmerzlichen Wahrheit dieses Gedenkens, sagte Steinmeier, gehört auch: „Wir wollten gute Gastgeber sein. Sie waren weder sicher noch geschützt. „Sie wurden in unserem Land von Terroristen gefoltert und getötet“, so Steinmeier weiter.
Der Bundespräsident sprach von einer “großen Tragödie und einem dreifachen Scheitern”. Der erste Fehler betrifft die Vorbereitung der Spiele und das Sicherheitskonzept. Das zweite Scheitern umfasste die Ereignisse vom 5. und 6. September 1972. Das dritte Scheitern, sagte Steinmeier, begann am Tag nach dem Attentat. Es war Stille, „Verdrängung, Vergessen“.
“Licht ins dunkle Kapitel bringen”
Steinmeier dankte den Angehörigen und dem israelischen Präsidenten Itchak Herzog für die Teilnahme an der Trauerfeier. „Ohne Sie alle, ohne die Angehörigen und ohne die Anwesenheit des Staates Israel könnte ich mir kein würdiges Gedenken vorstellen“, sagte er. Rückblickend sagte er: „Was für ein Vertrauensbeweis es war, an den Olympischen Spielen im Land der Täter teilzunehmen, nachdem die Shoah ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit war. Unter den Athleten und ihren Trainern waren auch Shoah-Überlebende.“ Deutschland, das auf diesen Angriff nicht vorbereitet war, wurde diesem Vertrauen nicht gerecht.
Versuche, Deutschland 1972 als “friedliche und freundliche Demokratie” darzustellen, scheiterten tragisch in München. Für die Mörder sei das Olympische Dorf „zu einer internationalen Bühne für jüdischen Hass und jüdische Gewalt“ geworden. Auch nach dem Attentat seien Fehler gemacht worden, betonte der Bundespräsident. Viele Fragen sind bis heute ungeklärt, etwa warum die Überlebenden so schnell abgeschoben wurden und welche Verbindungen sie zu deutschen Extremisten hatten. Es ist gut, dass die Bundesregierung jetzt die Einrichtung einer israelisch-deutschen Historikerkommission vorschlägt, um mehr Licht in dieses dunkle Kapitel zu bringen.
Zuvor hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder auf der Gedenkveranstaltung gesprochen. „Ich entschuldige mich ausdrücklich im Namen des Freistaates Bayern für die damals gemachten Fehler und Versäumnisse“, sagte Söder. Die bayerische Polizei war damals nicht auf die Entführung und Freilassung vorbereitet. Gleichzeitig gab Söder ein Versprechen ab, jüdisches Leben in Bayern zu schützen. “Wir sind mit dem Staat Israel.”
Spitzer von Überlebenden: „Er hat nie Frieden gefunden“
Der israelische Präsident Herzog begrüßte in seiner Rede die Entschädigung der Opfer. „Das ist ein wichtiger, gerechter und moralischer Schritt“, sagte er. Er dankte Steinmeier ausdrücklich für seinen “großen Einsatz”. Zum Leidwesen der Familien rührte der Schmerz aus Gleichgültigkeit und dem Gefühl, zurückgelassen zu werden, erinnerte sich Herzog. Er dankte in diesem Zusammenhang auch Steinmeier für seine „mutige und historische Rede“.
Die inoffizielle Sprecherin der israelischen Hinterbliebenen, Ankie Spitzer, verlas einen sehr persönlichen Brief an ihren ermordeten Ehemann Andrej Spitzer. Er hat nie wirklich Frieden gefunden, auch wenn er sich ein neues Leben aufgebaut hat. „Unser Weg war lang und einsam“, sagte der 76-Jährige mit Blick auf den jahrzehntelangen Kampf der Hinterbliebenen um die Anerkennung ihres Leids. Dieses Loch in meinem Herzen wird niemals heilen.
Der Oberbürgermeister von München entschuldigt sich
Im ersten Teil der morgendlichen Gedenkfeier im Münchner Olympiapark hatte sich Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter zuvor bei den Angehörigen der Opfer entschuldigt. Reiter sagte, er schäme sich, den Verantwortlichen schwere Fehler unterlaufen zu haben.
In seiner Rede erinnerte er daran, wie sich München 1972 als neuer Austragungsort präsentieren wollte. Ziel war es, nach den vorangegangenen Spielen unter dem NS-Regime der Welt eine andere und friedliche Olympiade in Deutschland zu präsentieren. “Aber dieser Traum wurde zerstört.”
Gedenken an die Opfer und Schuldbekenntnis
Gabriele Dunkel, BR, Daily News um 16:00 Uhr, 5. September 2022