„Ein guter Soldat des Kinos“: Werner Herzog wird 80

„Mein Leben ergibt Sinn, wenn ich eine Geschichte erzähle, von der ich weiß, dass sie in uns schlummert“, fasst Herzog in der Dokumentation zusammen. Und er verweist stolz auf seine unermüdliche Arbeit. Er drehte drei Filme in nur einem Jahr, und im Jahr zuvor, als wegen Covid nicht viel gereist wurde, drehte er einen Spielfilm und schrieb zwei Bücher.

Herzog reist rund um seinen Geburtstag zu zwei Filmfestivals, sagte sein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur. Zuerst in Telluride (US-Bundesstaat Colorado), dann beim Toronto Film Festival, Kanada. Dort präsentiert er seinen neuen Dokumentarfilm „Theater of Thought“ über moderne Hirnforschung.

Seine Ende August erschienenen Memoiren „Jeder für sich und Gott gegen alle“ umfassen 352 Seiten. Seine Lebensgeschichte könnte Bände füllen. Auch für die aktuelle Ausstellung in der Kinemathek in Berlin mit rund 250 Exponaten, darunter viele Archivbilder, aber auch Videomaterial und persönliche Briefe, bietet sie reichhaltiges Material. Werner Herzog hat laut Website des Museums Kultstatus und ist zudem umstritten.

Am 28. Oktober macht er im Rahmen einer Kooperation mit der Viennale auch Station im Volkstheater Wien. „Halluzinationen – Werner Herzogs innere und äußere Landschaften“ ist der Titel des Abends von und mit Herzog, bei dem das Publikum eine Mischung aus Film, Musik und Lesungen erwartet.

2009 wählte das amerikanische Magazin „Time“ Herzog zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Im selben Jahr wurde sein Dokumentarfilm Antarctic Encounters at the End of the World für einen Oscar nominiert. Von der Antarktis bis in eine Höhle in Südfrankreich („Die Höhle der vergessenen Träume“) ging Herzog für den Dokumentarfilm „Tod in Texas“ und die Fernsehproduktion „On Death Row“ in die Todeszellen amerikanischer Gefängnisse Gefangene warten auf ihre Hinrichtung. „Das ist ein Stoff von einer Intensität, die ich so noch in keinem Film zuvor hatte“, sagte Herzog 2012 der dpa.

Die Dokumentation „Grizzly Man“ führte ihn zu einem Bärenforscher nach Alaska, „Into the deeps of hell“ führte ihn an den Rand von Vulkanen, in „Fireball: Visit from Far Away Worlds“ beschäftigte er sich mit Meteoriten, in „Gorbatschow – A Treffen” mit dem ehemaligen sowjetischen Führer Michail Gorbatschow.

Aber es wechselt auch den Platz, vor der Kamera. Mehrmals hatte er eine Gaststimme in der Kult-Animationsserie Die Simpsons. Er spielte einen Bösewicht in der Star Wars-Serie The Mandalorian aus dem Jahr 2020. Als Bösewicht des Actionfilms „Jack Reacher“ machte er zuvor Tom Cruise das Leben schwer.

Der 1942 als Sohn einer Kroatin und eines Deutschen als Werner Stipetić in München geborene Künstler wuchs in einem Bergdorf an der Grenze zu Österreich auf. Dort hatte die Familie nach den Bombenanschlägen in München Zuflucht gesucht. Der Vater sei kurz nach seiner Geburt verschwunden, sagt Herzog in der Dokumentation „Radical Dreamer“ – und beim Besuch des kleinen Dorfes erinnere er sich an die ärmlichen Zustände, den ständigen Hunger der Kinder, aber auch an die ausgelassenen Spiele mit den Geschwistern, die Natur und die Freiheit nach „deinen eigenen Regeln“ zu leben.

Er hat Geschichte und Literatur studiert, sich das Kinohandwerk selbst beigebracht. 1961, mit fast 20 Jahren, drehte er seinen ersten Kurzfilm. In “Herakles” beobachtete er Bodybuilder, die für die Kamera posierten. Vier Jahre später, auf der Berlinale 1968, gewann er mit “Lebenszeichen” den Silbernen Bären für den besten Erstlingsfilm.

Mit Kollegen wie Wim Wenders, Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff prägte Herzog den neuen deutschen Film. Ich war auf der Suche nach starken Persönlichkeiten und extremen Geschichten. In den 70er und 80er Jahren arbeitete er mit Klaus Kinski, dem exzentrischen Star der gemeinsam gedrehten Filme wie „Aguirre, la ira de Déu“ und „Fitzcarraldo“, unter den schwierigsten und gefährlichsten Bedingungen des südamerikanischen Dschungels. Auch für „Nosferatu – Phantom der Nacht“ und „Woyzeck“ brachte er schauspielerisches Genie vor die Kamera. In der Dokumentation „My Dearest Enemy“ sprach er über seine Hassliebe.

„Er erreicht diese Wildheit, die nur sehr wenige Regisseure erreichen können“, sagt Schauspieler Robert Pattinson über den Filmemacher in der Dokumentation Radical Dreamer. Nicole Kidman erzählt uns, dass es sie sehr gereizt hat, in diese „Werner-Welt“ einzutauchen und Dinge zu wagen. In Herzogs „Königin der Wüste“ spielt die Oscar-Preisträgerin die britische Entdeckerin Gertrude Bell, die Anfang des 20. Jahrhunderts abgelegene Wüstenregionen des Nahen Ostens erkundete. An seiner Seite steht „Twilight“-Star Pattinson.

Christian Bale, der mit ihm den Kriegsfilm „Rescue Dawn“ (2006) drehte, sagt, manche würden Werner Herzog als „verrückt“ ansehen. Aber für ihn ist sie einer der nettesten Menschen, die er je getroffen hat, betont der Star.

Der gebürtige Kalifornier lebt seit den 1990er Jahren mit seiner dritten Frau, der Fotografin Lena Herzog, in Los Angeles. Er mag es, an einem Ort zu sein, an dem man das Gefühl hat, dass etwas passiert, sagt Herzog. “Hier redet man nicht nur, man tut einfach.”

Der ewige Weltenbummler hat noch ein ganz besonderes Reiseziel im Auge. „Ich würde gerne ins Weltall fliegen“, sagt der dreifache Familienvater im Doku-Interview. „Ich bin total dafür, den Weltraum filmisch zu erkunden.“ Schließlich ist er mit extremen Welten bestens vertraut.

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