„Aufs Ziel“ im Casino

13. Oktober 2022, 12:06 Uhr

Ich rede besser mit mir

Thomas Bernhard hat eine schreckliche Mutter geschaffen: Sie hasste und verabscheute ihren Mann, den als kleines Kind verstorbenen Sohn, empfand seine Hässlichkeit als Frechheit und verachtete ihre eigene Tochter nur. “Du hast dich daran gewöhnt, so unbeholfen zu gehen, stattdessen ist es deine Natur …”, heißt es in dem Stück.

Alles ist beleuchtet

Dörte Lyssewski, die die Mutter spielt, bewertet die Zeichnung von Bernhards psychologischem Charakter: „Dieses ‚Ich spreche, weil ich bin‘ trifft auf diese Frau zu. Sie arbeitet an der Gesellschaft, an sich selbst, an der Ehe, an der Familie, an der Kunst, im Theater.“ … alles, was es an Objekten hat, wird von ihm von allen Seiten beleuchtet. Dagegen ist ein Pathologe nichts.”

Das Publikum jubelt bei ihrer eigenen Beerdigung

SUSANNE HASSLER-SMITH

Maresi Riegner und Dorte Lyssewski

Während die Tochter für den jährlichen Ausflug ins Ferienhaus am Meer packt, freut sich die Mutter, angeheizt von immer mehr Brandy, über den Theaterabend, den sie am Vortag besucht hat, und das Publikum einfach: Er hat auf die Rampe geschlagen und klatscht.

Biographische Arbeit

Nach der Aufführung lud die Mutter den Dramatiker dieses Stücks mit dem Titel „Salva’t qui pugi“ ein, mit ihr ans Meer zu kommen. Eine schnelle Einladung, die es wieder bereut.

In dieser Rolle hat sich Thomas Bernhard nicht nur selbst in das Stück hineingeschrieben, sondern laut Dörte Lyssewski auch viele biografische Elemente darin verwoben: „Der Kutter in Rotterdam, wo er als Baby gelandet ist, wo er ein Jahr gelebt hat, erscheint, der Die Künstler, die Schauspieler, die Hölle, die man Familie nennt und die wir alle kennen, nur in unterschiedlichem Maße, tauchen auf.

Trauer in der Komödie

Die Tochter winkt nur, ihre zärtliche Hoffnung, sich aus der Umarmung ihrer Mutter zu befreien, zerschmettert: “In Liebe gekettet in wahrer Mutterliebe.”

Eine tiefe Verletzlichkeit schimmert durch die großen Schmähschriften und eine bittere Traurigkeit durch die unglaublich lustigen Szenen. Wenn Bernhard beispielsweise die Verlogenheit anprangert, rechnet er mit der jüngeren Generation ab, die sich nicht gegen die Geschichte auflehnt und sie an ihre Grenzen treibt, und schreibt über ihren Anspruch, die Welt zu verändern: „Lasst uns ins Theater gehen und ein Stück anschauen und geht hinaus und sagt zueinander: es hat keinen Zweck“.

Lyssewski, Riegner und Galke glänzen

Der deutsche Regisseur Matthias Rippert stellt sich bescheiden hinter Bernhards Text, ist ihm voll und ganz verpflichtet und lässt die drei Schauspieler – Dörte Lyssewski, Maresi Riegner und Rainer Galke – im nüchternen Bühnenbild von zwei Zuschauerplätzen aus strahlen. Sowohl in furiosen Berechnungen als auch in kleinen und zarten Gesten.

Es ist ein Theater, in dem beides durchgängig möglich ist: Beifall oder Zerstörung.

Applaus ist eher das Stichwort, die Proben versprechen einen schauspielerischen Abend. Premiere ist morgen Abend im Burgtheater Kasino am Schwarzenbergplatz.

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