Brüssels Pläne reißen tiefe Gräben auf

Paris, Barcelona, ​​​​​​Wien: In vielen europäischen Großstädten wird Fahrrad und Fußgängern immer mehr Platz eingeräumt und die Dominanz des Autos zumindest ein wenig in Frage gestellt. Neben den Klimaanstrengungen wird oft mit einer besseren Lebensqualität argumentiert. Nun will auch Brüssel diesen Weg gehen. Bis 2030 will die Initiative „Good Move“ den Verkehr in der Stadt komplett umgestalten.

Wer nicht zum ersten Mal in der Hauptstadt der EU ankommt, wird schon bei einem Spaziergang durch Brüssel einige Veränderungen bemerken. Seit letztem Jahr gilt in weiten Teilen der Stadt Tempo 30, auch neue Radwege schmücken das Stadtbild. Zum Beispiel auf der Rue de la Loi, der Straße, die den Sitz des belgischen Premierministers mit den EU-Gebäuden verbindet.

ORF.at/Florian Bock Mit der Aktion „Guter Zug“ will Brüssel den Autoverkehr in der Stadt entschleunigen

Doch das Auto bleibt allgegenwärtig: Ob morgens oder abends, auf nahezu allen großen Durchgangsstraßen der Stadt stockt der Verkehr regelmäßig. Und die Lage bei Grätzel ist alles andere als ruhig, ein Umstand, mit dem sich “Good Move” seit August beschäftigt, aber aufgehört hat.

Proteste und Rücktritte

Denn in den betroffenen Gebieten ist der Widerstand teils stark, etwa in Cureghem, gleich hinter dem als eher unsicher geltenden Südbahnhof. Als dort im August Betonblöcke zur Verlangsamung des Verkehrs eingebaut wurden, gingen aufgebrachte Anwohner auf die Straße: Verkehrszeichen wurden übermalt und die Betonblöcke über Nacht verschoben. Bald darauf kündigte der Bürgermeister der zuständigen Gemeinde Anderlecht in Brüssel an, die Änderungen zurückzuziehen.

Protest gegen einen Verkehrsplan in Schaerbeek. Ich hätte nie gedacht, dass dies einer der seltsamsten Proteste sein würde, über die ich berichten musste. pic.twitter.com/wp45tdYgVw

– Kevin Van den Panhuyzen (@KPanhuyzen) 25. Oktober 2022

Ähnliche Szenen spielten sich vor einigen Wochen auch in Schaerbeek nördlich der Stadt ab, zuletzt in den Medien wegen der tödlichen Messerattacke auf einen Polizisten. Die Veränderungen werden bei den Demonstranten nicht verstanden: „Wir haben in unserer eigenen Nachbarschaft geschlossen. Wir müssen lange Umwege in Kauf nehmen, um zu unserem Geschäft zu gelangen“, zitierte die Nachrichtenseite Bruzz einen Geschäftsinhaber.

die Initiative gerät ins Wanken

Obwohl es hieß, man wolle die Pläne in Schaerbeek vorantreiben, droht nun die ganze „Good Move“-Initiative ins Wanken zu geraten. Der sozialdemokratische Ministerpräsident Rudi Vervoort hielt in einem Interview eine „Pause“ für denkbar. “Wo es Spannungen gibt, ist es besser, nicht zu aufdringlich zu sein”, sagte Vervoort der Zeitung Le Soir.

ORF.at/Florian Bock Straßen sind oft nur für Fahrräder und öffentliche Verkehrsmittel befahrbar

Brüssels Verkehrsministerin Elke Van den Brandt von den Grünen will an den Plänen nichts ändern: „Die Umsetzung des Mobilitätsplans ‚Good Move‘ wird wie geplant fortgesetzt“, sagt sie gegenüber ORF.at. Obwohl die Aktion aufgrund von Protesten in Cureghem und Schaerbeek gestoppt wurde, „arbeiten die Behörden mit den Menschen in der Nachbarschaft zusammen“, um im Frühjahr „angepasste Pläne“ umzusetzen. Sie würden bereits “positive Ergebnisse” sehen. Als nächstes werden Maßnahmen im Stadtteil Ixelles ergriffen, einem Gebiet, das nicht minder eine beliebte Wohnadresse für viele Menschen in der EU-„Blase“ ist.

Auch soziale Unterschiede spielen eine Rolle

Der Widerstand dürfte geringer sein, denn „Good Move“ hebt laut einigen Beobachtern sogar einige andere Probleme der belgischen Hauptstadt hervor. Van den Brandt selbst sagte gegenüber Politico, dass Gebiete, in denen es Proteste gibt, auch mit umfassenderen Problemen wie Sicherheit, Wohnen und Beschäftigung zu kämpfen haben. In den Stadtteilen, in denen viele „Expats“ leben, sei das Bildungsniveau höher: Sie könnten sich leichter umfassend informieren und auch an Veranstaltungen wie Informationsabenden teilnehmen, so der Minister.

Die Medien sprechen von einem Kampf gegen die Pläne der “Bobo-Grünen”, wie die Zeitung “De Morgen” titelt. Die Zeitung Knack schreibt in einem Kommentar, die Debatte über einen Verkehrsplan sei “zu einer Debatte über kulturelle Identität und sozialen Status geworden”. Das Fahrrad als progressives Symbol der Besten versus das Auto als Statussymbol der Benachteiligten und die Grünen, frankophon oder flämisch, in einem Dilemma. Denn während man sonst bei Brüsselern der ersten und zweiten Generation punkten könnte, findet man in der Verkehrsdebatte offensichtlich wenig Zustimmung.

Der grüne Minister in Brüssel sieht jedoch keine Spaltung: “Einige haben auf eine Lücke in ihrer Analyse der Proteste hingewiesen, aber wir haben keine Aufzeichnungen darüber”, sagt Van den Brandt. Und er fordert alle Bürger auf, sich an der laufenden Debatte zu beteiligen: „Egal, ob Sie 30 Jahre oder nur 30 Tage in Brüssel leben, jeder ist hier willkommen und jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern, seine Kommentare, die ihre Kommentare. um ihre Fragen zu äußern. Gemeinsam sind wir Brüssel und gemeinsam werden wir eine bessere Stadt für alle schaffen”.

Der Minister versteht die Kritik

Natürlich gibt es auch in den Stadtteilen, in denen die Proteste stattfinden, zahlreiche Unterstützer der Verkehrsberuhigung: Eine Unterschriftenaktion für die Maßnahmen erreichte in kürzester Zeit mehrere tausend Unterschriften. Und während sich die einen mehr über die neuen Regeln ärgern, freuen sich die anderen über weniger Verkehr und fahrradfreundliche Straßen; Auch die Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr ist ein Thema.

ORF.at/Florian Bock Poller und ähnliche Maßnahmen sorgten für aufgeheizte Stimmung in der Stadt

Gegenüber ORF.at zeigt Verkehrsminister Van den Brandt zwar Verständnis für die Kritik, nicht aber für die Ausschreitungen: „Good Move“ sei ein „ehrgeiziger Plan, und es sei logisch, dass eine solche Veränderung große Auswirkungen auf die Menschen haben werde. Wir greifen in die persönlichen Gewohnheiten der Menschen ein und es bleibt eine Herausforderung zu erklären, warum und zu welchem ​​Zweck.” Kritik sei willkommen, aber „jede Form von Gewalt und Einschüchterung wird verurteilt“, sagte Van den Brandt.

Doch die Situation wurde längst von allen Seiten politisch ausgenutzt: Vor allem der flämische Rechtsextreme Vlaams Belang nutzte die Aktionen und Gegenproteste, um regierungsfeindliche Stimmungen zu schüren. Kritik kam auch von der konservativen flämischen Partei N-VA. Die französischsprachige liberale MR-Partei will unterdessen mit mindestens 50 Prozent der betroffenen Einwohner sprechen.

Brüssel auf den Stufen von Gent

Längerfristig könnte sich Brüssel wie andere umliegende Städte entwickeln: Neben dem nur eine Zugstunde entfernten Paris liegt ein weiteres Beispiel direkt an der Stadtgrenze. Auch in Gent gab es vor wenigen Jahren Proteste gegen einen neuen Verkehrsplan. Obwohl die Geschäftsleute die Auswirkungen zuerst zu spüren bekamen, hat sich die Situation inzwischen stabilisiert, und das Stadtbild hat sich verändert.

„Alle sind für Verkehrssicherheit“, sagte der Mobilitätsexperte Dirk Lauwers von der Universität Gent der Brussels Times. „Wenn Maßnahmen eingeführt werden, haben die Menschen oft eine ablehnende Haltung. Aber Menschen, die kritisch sind, werden mit der Zeit immer positiver, weil sie am Ende auch die Vorteile sehen“, sagt der Experte.

Van den Brandt verweist derweil auf die bereits in Brüssel zu beobachtenden Entwicklungen: „Die Zahl der Radfahrer in der Stadt hat sich in drei Jahren fast verdreifacht, und die Zahl der Unfälle und Getöteten ist erheblich zurückgegangen.“ In welche Richtung sich Brüssel entwickeln wird, werden sie wohl entscheiden, das wird vor allem davon abhängen, ob sich Politiker und Einwohner über die Zukunft ihrer Stadt einigen können.

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