Katar bestellt Schweizer Technologie zur Handyüberwachung

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Das Gastgeberland der WM, Katar, Spione und Monitore. Den geheimen Plänen zufolge will das Emirat Mobiltelefone im großen Stil einsetzen.

Fabian EberhardForschungsleiter

Katar will die volle Kontrolle. Wenn der Schiedsrichter heute um fünf Uhr den WM-Pfiff bläst, dürfte dem Emirat nichts entgehen. Der Überwachungsapparat autokratischer Machthaber wacht über das ganze Land und spionierte schon im Vorfeld der WM Journalisten, Regierungs- und Sportfunktionäre aus. Die Recherche von SonntagsBlick zeigt nun: Auch Katar versuchte, Überwachungstechnik aus der Schweiz zu beziehen. 2014 kontaktierten Vertreter des katarischen Militärs die Firma Boger Electronics in Gais, Appenzell. Der Wüstenstaat interessierte sich für sogenannte IMSI-Catcher, Hightech-Geräte, mit denen Handys geortet, abgehört und abgehört werden können.

Im selben Jahr stellte der Hersteller einen Antrag beim Bund für den Export der Überwachungsgeräte. Geschätzter Lieferwert: sechs Millionen Franken. Ihr Ziel: Doha, die Hauptstadt von Katar.

Im November 2014 gab das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) grünes Licht. Offenbar hatten weder das Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) noch der Bundesnachrichtendienst (NDB) Einwände. Seco-Sprecher Fabian Maienfisch bestätigt die Ausfuhrgenehmigung: „Es war ein IMSI-Catcher für das katarische Militär.“

Spionagefirma nach Plan angeheuert

Die erwartete Lieferung ist explosiv. Vor einigen Wochen enthüllte die Nachrichtenagentur Associated Press, wie Katar ein Überwachungssystem für die WM plant. Alle Anrufe in das Land müssen genau verfolgt werden. Der Plan wurde von der US-Spionagefirma Global Risk Advisors erstellt. Es ist nicht klar, ob und wie katarische Scheichs das Projekt umsetzen werden.

Laut einem Dokument der US-Spionagefirma SRF Investigativ, das diese Woche veröffentlicht wurde, zielt das WM-Gastgeberland auf persönliche Smartphone-Daten ab, wahrscheinlich auch auf die von Besuchern der WM. Das elfseitige Strategiedokument mit dem Titel «Empower Qatar» ist vom August 2014 datiert. Drei Monate später bewilligte der Bund den Export von Schweizer Handy-Überwachungsgeräten.

Unternehmen wissen nichts

Die beteiligten Unternehmen bestreiten, mit dem Vorgehen in dem Wüstenstaat etwas zu tun zu haben. Global Risk Advisors behauptet, die Dokumente seien gefälscht. Der CEO des Appenzeller Unternehmens, Richard Boger, gibt gegenüber dem SonntagsBlick zu, dass Katar Interesse an seinen IMSI-Empfängern hat. Aber sie haben nie geliefert.

Am Ende kam der Deal nicht zustande: „Es hat lange gedauert, bis die Bundesregierung unseren Genehmigungsantrag geprüft hat. Diese Behauptung konnte nicht überprüft werden. Auch Seco kann nicht sagen, ob die von ihm genehmigte Lieferung tatsächlich in Doha angekommen ist.

Klar ist: Heutzutage wäre ein Export von IMSI-Catchern nach Katar kaum noch zu genehmigen. Grund dafür ist eine Verordnung, die der Bundesrat 2015 in Kraft gesetzt hat. Seither darf Überwachungstechnik nicht mehr exportiert werden, wenn der Empfänger sie zur Repression verwenden könnte. Dies dürfte in Katar der Fall sein, wo die Menschenrechtslage prekär ist und Kritiker verfolgt werden.

Dank verschärfter Regeln gibt es seit 2015 keine offiziell genehmigten Überwachungsabkommen zwischen der Schweiz und Katar. 2020 machte ein Schweizer Unternehmen einen heiklen Deal mit Katar, wie die Recherche des Sonntagsblicks zeigt. Die Bundesregierung hat die Lieferung von Steuerungssoftware für Drohnen genehmigt. Seco-Sprecher Maienfisch betont: „Es war eine Software für eine kleine zivile Drohne zur Kartierung.“ Der Empfänger sei weder militärisch noch sicherheitsrelevant: “Sie könnten Repressionszwecke ausschließen.”

Katar ist ein guter Kunde

Die Schweiz hat weniger Hemmungen, wenn es um Kriegsmaterial geht. Die Bundesregierung hat in den vergangenen Jahren wiederholt den Export von Militärgütern nach Katar genehmigt. Erst im September bewilligte das Seco den Export von Kampfjet-Munition im Wert von 120 Millionen Franken.

Dass Schweizer Überwachungstechnik Katar nicht mehr zur Verfügung steht, sollte das Emirat nicht beunruhigen. Die Scheichs sind längst auf dem neuesten Stand. Zum Beispiel in einem Projekt mit dem Codenamen „Mistery“. Katar hat laut SRF-Untersuchung Transporter gekauft, die Signale von drahtlosen Wi-Fi-Netzwerken abfangen, heimlich Videos aufnehmen und Autokennzeichen automatisch erkennen können.

Spionage- und Überwachungsberichte rund um die Fußballweltmeisterschaft verwunderten viele Besucher. Mehr als eine Million Menschen reisen dieser Tage in den kleinen Wüstenstaat, darunter Regierungsvertreter wie SVP-Bundesrat Ueli Maurer.

Die Schweizerische Bundesverwaltung forderte ihre Mitarbeiter per E-Mail auf, ihre Firmenhandys bei einem Besuch in Katar zu lassen und ein zweites Altgerät mitzunehmen. Bundesdatenschutzbeauftragter Adrian Lobsiger legte nach und erklärte am Samstag gegenüber Blick: «Ich rate allen Schweizerinnen und Schweizern, die zur WM nach Katar reisen, ein günstiges privates Smartphone zu nutzen.»

Totale Handyüberwachung in Katar: Die Appenzeller Schweizer Technologie war dem Einsatz sehr nahe. Oder wurde endlich eine Einigung mit Doha erzielt und die Schweizer IMSI-Technologie ist bereits im Einsatz?

Forschungsnotizen

Hast du Tipps für explosive Geschichten? Schreiben Sie uns: recherche@ringier.ch

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