14. Juli 2022
Der Münchner Markus Dickhardt hat Roadsurfer zum größten Reisemobilvermieter Europas gemacht. In diesem Jahr will sie erstmals schwarze Zahlen schreiben und mit neuem Kapital in die USA expandieren.
Outdoor-Reisen liegt im Trend, wohl auch als Folge der Pandemie. Im Jahr 2021 hatte der Camping- und Caravaning-Markt laut einer Analyse von Transparency Market Research einen Wert von 62 Milliarden US-Dollar, der in diesem Jahr auf 68,9 Milliarden US-Dollar wachsen soll; dazu gehören auch Freizeitfahrzeuge, also Wohnmobile oder Wohnwagen. Urlauber hatten es lange schwer, beliebte Reisemobile zu mieten: Markus Dickhardt, Mitgründer und CEO von Roadsurfer, hat es längst geändert.
Zusammen mit seiner Frau Susanne Dickhardt, Christoph Niemann, Stephie Niemann und Jean-Marie Klein gründete der Münchner 2016 den Camper-Vermieter Roadsurfer. Anfangs umfasste der Fuhrpark des Münchner Unternehmens 25 VW Bullis, heute sind es fast 5.000 Fahrzeuge, darunter auch geräumige Transporter mit Faltdach oder der kompakte VW T6.1. „Damit sind wir der größte Wohnmobilvermieter und -käufer in Europa“, sagt Dickhardt. Roadsurfer will mit seinen Reisemobilen noch in diesem Jahr die 100-Millionen-Euro-Umsatzmarke knacken.
Die Idee entstand im Sommer 2016 bei einem Campingausflug der Gruppe von Freunden und späteren Gründern: Während die Niemanns ein eigenes Wohnmobil hatten, konnten die Dickhardts für eine gewisse Zeit kein Fahrzeug mieten. Reisemobile haben zahlreiche Vorteile: Sie sind kleiner als Wohnmobile und damit alltagstauglicher. Der Freundeskreis erkannte die Marktlücke und gründete noch im selben Jahr Roadsurfer. Nur sechs Monate später hatten sie ihren ersten Mieter.
Der Fuhrpark besteht aus Originalfahrzeugen von VW, Mercedes, Ford, Westfalen, Knaus und Bürstner. Roadsurfer nimmt die voll ausgebauten Fahrzeuge entgegen und hüllt sie anschließend in farbige Folie. Eines der 13 Modelle ist der Ford Nugget. Dieser Wohnwagen ist mit einer voll ausgestatteten Küche, einer Außendusche und Strom ausgestattet. Markus Dickhardt sitzt bei unserem Zoom-Interview vor diesem Fahrzeug. Der Ford Nugget ist rot lackiert und mit dem Roadsurfer-Logo auf der Seite bedruckt. „Eigentlich bin ich gerade über Pfingsten im Urlaub“, sagt der Geschäftsführer, „während wir unsere Stationen bereisen.“ Er reist mit seiner Familie (Mitgründerin und Geschäftsführerin Susanne und ihren beiden Kindern) an.
Sie starteten in München, fuhren dann über Mailand nach Rom, wo Dickhardt uns vom Campingplatz aus ansprach. Das Ziel der Reise ist Sizilien. Insgesamt 50 dieser roadsurfer Stationen gibt es in Europa. „Mittlerweile sind es so viele, dass ich manche gar nicht kenne“, sagt Dickhardt. Das Roadsurfer-Konzept ist einfach: Mieter können ihr Lieblingsmodell ab 65 € pro Nacht online buchen und an einer Station abholen. Der Wohnwagen kann bis zu 29 Tage später zurückgegeben werden.
Markus Dickhardt studierte Betriebswirtschaftslehre an der San Diego State University. 2011 gründete er die Social-Networking-Agentur One Two Social. Seit 2016 konzentriert es sich auf Straßensurfer. 2019 folgte die erste Finanzierung mit Anteilen im siebenstelligen Bereich, 2021 steigerte sie sich: 28,5 Millionen Euro flossen den Münchnern in einer Finanzierungsrunde zu.
Roadsurfer nutzt das Geld, um zu expandieren. Rund 600 Mitarbeiter betreuen mittlerweile 50 Stationen in Europa. Die erste US-Station in Los Angeles in der Nähe des Flughafens wurde diesen Juni eröffnet. „Von dort starten viele Reisende ihre Roadtrips auf dem Highway 1 oder in Las Vegas“, sagt Dickhardt. Dickhardt war während seiner Studienzeit selbst oft unterwegs durch diese Gegend und weiß, wie beliebt Reisemobile sind: „In den USA ist das Thema Outdoor-Reisen noch größer als in Europa.“ .
Alle Gründer in einem Bus: Markus Dickhardt und Christoph Niemann (hinten), Stephie Niemann, Jean-Marie Klein und Susanne Dickhardt (von links).
Dickhardt glaubt, dass es die Mischung aus Freiheit und Flexibilität ist, die das Reisen im Reisemobil so attraktiv macht. „Man ist raus aus dem stressigen Job und Alltag“, erklärt er. Plötzlich Fragen wie: Wo putze ich mir die Zähne? Wie miete ich? wo ich heute übernachte „Ich merke, dass ich bei dieser Art von Urlaub viel schneller abschalten kann“, sagt der Geschäftsführer.
Die Folgen der Coronavirus-Pandemie waren für die Tourismusbranche verheerend, aber die Pandemie hat die Campingbranche angekurbelt. Auch Dickhardt glaubt, dass in den vergangenen zwei Jahren ein verzerrtes Bild vom Verhalten deutscher Reisender entstanden ist. Tatsächlich sind überdurchschnittlich viele Deutsche innerhalb Deutschlands gereist, aber reisefreudige Deutsche sind auch bereit, in ferne Länder zu reisen.
Deshalb wollten die Gründer von Roadsurfer gerade jetzt die Station in den USA eröffnen, die zunächst für 2023 geplant war. „Der Markt ist unserer Meinung nach reif für das, was wir machen wollen, also warum noch länger warten?“, sagt der Gründer. Allerdings birgt der Sprung über den Atlantik einige Risiken: Dort kann Dickhardt nicht so einfach anhalten wie heutzutage an italienischen Bahnhöfen. Andererseits ist Roadsurfer in Europa bereits eine Marke: „Wir müssen es in den USA noch aufbauen“, sagt Dickhardt. Aber er ist überzeugt, dass das Produkt passt: „Ich denke, wir sind am richtigen Ort und auch im Trend.“
Roadsurfer will 2022 mit einer schwarzen Null abschließen. Dickhardt: „Wir wollen dieses Jahr die Spielregeln in den USA kennenlernen und dann nächstes Jahr um ein Vielfaches erweitern.“ In ein paar Jahren wollen Dickhardt und seine Familie so viele Stationen zwischen LA und New York machen. York, wie sie es derzeit in Italien tun.
Fotos: RoadsurferInfografik: Valentin Berger