6. Oktober 2022
Rapper Yasmo will kein „Bettler auf dem Markt sein“ ©APA/EVA MANHART
In unsicheren Zeiten für die eigenen Werte einstehen – das ist bei Yasmo definitiv der Fall. Der Wiener Poetry Slammer und Rapper präsentiert diese Woche sein drittes Album mit der Klangkantine. Viele Themen werden in “Laut und Lost” behandelt, vom Neoliberalismus über das Patriarchat bis hin zu den jüngsten Krisen. Gibt es eine Möglichkeit, Pessimismus zu vermeiden? „Diese Generation ist im Grunde kaputt“, sagt Yasmo.
Yasmin Hafedh, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, ist ein Griesgram, aber das bedeutet nicht, dass sie weit davon entfernt ist. Kritik und Beleidigungen gehen bei ihr wie immer Hand in Hand. Und diese Dualität des Tons, die sich eigentlich viel vielfältiger präsentiert, entspricht der Geste der ganzen Platte. „Wir wollten dieses Nicht-Konzept und den Widerspruch beibehalten“, sagte Yasmo im APA-Interview. „Es werden Themen verhandelt, die uns jetzt beschäftigen, weil wir auch im Neoliberalismus aufgewachsen sind und leben, das ist so!“
Nach und nach wird klar, dass sich diese Tatsache nicht so einfach ändern lässt. „Wir werden es nicht zu 100% überwinden oder umkehren können. Da war also das Phänomen des Krachmachens: Wir dürfen nicht müde werden, für Ideale und Werte einzustehen. Gleichzeitig gibt es aber auch dieses absolute Daseinsgefühl verloren. Erst war Pandemie, jetzt Krieg, dann Inflation. Es ist einfach der absolute Verlust für uns alle“, sagte der Musiker und sprach damit das immer stärker verbreitete Gefühl der Unsicherheit an.
Allerdings geht es in diesen zwölf Stücken nicht nur um die Evolution der Gesellschaft als Ganzes, sondern auch um sehr Persönliches. In „Temes“ beschäftigt sich Yasmo mit „meinem psychischen Gesundheitszustand ab 2019“, sie erinnerte an jenes Jahr, in dem, obwohl nach außen hin viel herauszukommen schien, die Künstlerin selbst mit der Situation zu kämpfen hatte. „Dann habe ich ein Album veröffentlicht, eine Tour gespielt, ein Popfestival kuratiert und war völlig am Ende meiner Weisheit! Alles, worüber ich in diesem Song spreche, ist mir passiert.“ Das gilt als hart.“ Aber ich möchte eigentlich nicht in einer Gesellschaft leben, in der das als etwas Gutes gilt. Ich möchte nicht resistent sein müssen.”
Ein Lied darüber zu machen, war keineswegs selbstverständlich. „Während des Prozesses des Albums wurde klar: Wir müssen eigentlich darüber reden. Aber wie? Ich kann es nur durch Missbrauch tun, das bin ich“, lächelte Yasmo. Zudem habe die Pandemie so viele Menschen in Extremsituationen gebracht, „dass es einfacher wurde, ihr eine Bühne zu geben. Es ist gut, darüber zu reden, auch wenn es nicht immer einfach ist. Aber nur weil etwas schwer ist, heißt das nicht, dass man es nicht tun sollte.”
Für Yasmo und seine Kollegen Tobias Vedovelli und Ralph Mothwurf war die Pandemie endlich eine Gelegenheit, dem Album mehr Zeit zu widmen. „Da war viel mehr Platz und Platz dafür“, erinnert er sich. “Es bedeutet auch, dass wir uns mit diesem Album sehr weiterentwickelt haben.” Musikalisch drückt sich dies in einem vielseitigen und farbigen Sound aus, der die meist um die drei Minuten langen Stücke viel größer erscheinen lässt, von scharfen Rhythmen bis intelligent. Arrangierte Streicher beinhalten alles, was Hip-Hop- und Pop-Refrains schneller schlagen lässt, bis hin zu den nach vorne drängenden Bläsern.
Kurz gesagt, all das klingt zeitgemäß und ewig gültig. Aktuellen Trends zu folgen, sei nicht sein Ding, wie Yasmo glaubwürdig darlegte. „Der 15-Sekunden-Hook für TikTok? Nun“, lachte der Rapper. „Wir versuchen bereits, Musik zu machen, die zeitlos sein kann. Denn wir wissen auch, was langfristig passiert. Ich will nicht zwei Jahre super berühmt sein und dann den tiefen Yasmo-Einbruch haben. Dann ist es besser, nachhaltig zu denken. Sei weniger ein Marktbettler. Ich bin es sowieso, wenn ich zu Billa gehe.”
Yasmo hat im November viel zu tun. Den Anfang machen die 26. Deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften, die vom 2. bis 6. November erstmals in Wien stattfinden und das Finale im Burgtheater moderieren wird. Und dann gehen wir ab dem 11. November mit dem neuen Album auf Tour. Auch die Pandemie spielt eine Rolle, da viele Acts jetzt Schwierigkeiten haben, die Veranstaltungsorte zu füllen. „Man sagt schon: Der Neue ist halb voll. Aber das wird nicht lange dauern“, sagte Yasmo, der mehr Unterstützung für die Kultur wünscht. „Die ganze Operation wird etwas mehr Unterstützung brauchen. Das muss auch die Politik sehen. Sie können aufstehen und sagen: Fairpay, Fairpay, Fairpay. Das finde ich toll, aber bitte auch strukturell denken, was die Politik eigentlich machen soll.”
(Das Interview führte Christoph Griessner/APA)
yasmo-klangkantine.com