Fintechs, vor allem Start-ups, die zum Teil neuartige Online-Finanzdienstleistungen anbieten, gelten seit Jahren als wichtige Zukunftsbranche. Einen zusätzlichen Schub erhielten sie zu Beginn der Pandemie, als das Interesse an diesen Online-Dienstleistern und digitalisierten Finanzdienstleistungen förmlich explodierte. Während des kometenhaften Aufstiegs war auch das allgemeine wirtschaftliche Umfeld sehr hilfreich: Viele Anleger suchten nach Möglichkeiten, ihr Geld in dem boomenden Markt gewinnbringend anzulegen.
Fintechs bieten und bieten eine Geschichte, die an den Finanzmärkten von Beratern, Investmentgesellschaften, Reichen und allen, die besonders hohe Gewinne erzielen wollen, immer gerne gehört wird: Sie versprechen, wie Amazon für den Handel und Uber für die Beförderung von Passagieren, die Konvertierung die Bank. auf dem Kopf stehende Industrie und damit hohe Renditen für alle, die in ihre Start-ups investieren.
Teures Geld und Kaufzurückhaltung
Doch angesichts des dramatischen Wandels des Wirtschaftsklimas – hohe Inflation und drohende Rezession in vielen Ländern – hat sich das Blatt in den letzten Wochen, beginnend mit Jahresbeginn, radikal gewendet. Die Geldbeschaffung für große Investitionen wird immer schwieriger und teurer, und Geschäftsmodelle werden unter der zu erwartenden Kaufzurückhaltung der Bevölkerung leiden. Zudem herrscht bei vielen Geschäftsmodellen Unsicherheit darüber, ob sie funktionieren.
Digitale Finanzdienstleistungen
Fintechs, oft, aber nicht zwingend Startups, bieten beispielsweise neue Online-Finanzdienstleistungen auf Basis von künstlicher Intelligenz oder Blockchain-Technologie an. Sie konkurrieren oder ergänzen traditionelle Banken und Finanzdienstleister.
460 Milliarden Dollar
Die „Financial Times“ („FT“) hat die aufgelaufenen Verluste nun hochgerechnet: Dadurch haben allein die mehr als 30 an der US-Börse notierten Fintech-Unternehmen seit Beginn natürlich fast eine halbe Billion Dollar an Wert verloren
Dadurch haben Finch-Aktien seit Jahresbeginn durchschnittlich 50 Prozent ihres Wertes verloren. Das ist deutlich mehr als beispielsweise der Verlust des NASDAQ Composite Technology Index, der 29 Prozent verlor. Laut FT haben in den USA notierte Fintechs seit Anfang des Jahres 156 Milliarden Dollar verloren, verglichen mit 460 Milliarden Dollar auf ihrem Höhepunkt.
Das Unternehmen Upstart, das Kunden mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) Verbraucherkredite anbietet, machte zuletzt die „turbulente Wirtschaft“ für die steigenden Verluste verantwortlich. Unterdessen entließ die heimische Kryptobörse Bitpanda, die kürzlich Mitarbeiter mit „unbegrenztem Urlaub“ eingestellt hatte, im Juni mehr als ein Viertel ihrer 1.000 Mitarbeiter aufgrund der Krise in der Kryptoindustrie.
Klarna ist 85 Prozent weniger wert
Auch nicht börsennotierte Fintech-Unternehmen sind von der wachsenden Unsicherheit betroffen, allen voran der Branchenriese Klarna. Mitte Juli musste der Bezahldienst in einer Finanzierungsrunde eine radikale Abwertung des Unternehmens hinnehmen: Statt 45,6 Mrd.
Im Fadenkreuz der Kontrollbehörden
Darüber hinaus werden Aufsichtsbehörden und Gesetzgeber in immer mehr Ländern auf Fintechs aufmerksam und wollen sie stärker unter die Lupe nehmen. Viele der Start-ups versuchten, sich den strengen Auflagen zu entziehen, denen Banken unterliegen.
So hat beispielsweise Klarna mit seinem Versprechen einer einfacheren und verzögerten Zahlung beim Online-Shopping laut „Wall Street Journal“ die Regulierungsbehörden in den USA und Großbritannien eingeschaltet. Sie befürchten, dass die Überschuldung Einzelner mit dem Zahlungsdienst noch weiter zunehmen wird. Wie in anderen Bereichen der digitalisierten Wirtschaft könnte die Goldgräberstimmung langsam enden.
Einfache Überreaktion?
Natürlich setzen viele Analysten und Investoren auf ein Comeback und darauf, dass sich der grundlegende Trend, die Digitalisierung von Finanzdienstleistungen, fortsetzt.
Die „FT“ zitierte Dan Dolev von der japanischen Bank Mizuho, der betonte, Fintechs seien „der erste Teil des Technologiesektors, der stark von Covid profitiert, weil alle zu Hause feststeckten und online einkauften“. Jetzt gibt es die gleiche Überreaktion in die andere Richtung, und wieder früher als in anderen Sektoren.
„Erster Härtetest“
Der „Economist“ urteilte bereits Ende Juni, dass der Branche nach einem „goldenen Jahrzehnt“ die „erste Widerstandsprobe“ bevorstehe. Viele Experten würden die aktuelle Phase als einen Prozess der Trennung der Spreu vom Weizen sehen. Die Basis der Fintechs hat sich nach Ansicht mancher nicht verändert. Andere hingegen warnen vor steigenden Finanzierungskosten für Start-ups, die – zumindest vorerst – weiterhin überwiegend defizitär arbeiten und viel Geld von Investoren brauchen, um sich nicht nur über Wasser zu halten, sondern auch einen Gewinn erzielen -se Platz auf dem Markt.
Laut “Economista” könnte es mit einer überraschenden Wendung enden. Denn die Fintechs haben sich vorgenommen, den bankdominierten Finanzsektor mit „Disruption“, einem Silicon-Valley-Euphemismus für einen grundlegenden Umbruch in einer Branche durch neue, oft monopolartige Akteure, komplett umzukrempeln. Allerdings würden Banken und Kreditkartenunternehmen wie Visa und Mastercard, sozusagen die Feindbilder der Fintechs, den aktuellen Abschwung der Branche ausnutzen, um Fintech-Billige zu kaufen, so der „Economist“.