Lorenzo Viotti holte das Gulbenkian Orchestra aus Portugal in den Wiener Musikverein. Und es bot nicht das beste Argument für Orchestertourneen in Zeiten der Umwelt- und Wirtschaftskrise.
Sind internationale Orchestertourneen in Zeiten der Umwelt- und Wirtschaftskrise noch zu rechtfertigen? Ein musikalisches Argument für Totschlag lieferten Lorenzo Viotti und das Gulbenkian Orchestra of Portugal am Freitagabend jedenfalls nicht. Zu Beginn seiner Porträtreihe präsentierte er mit den Lissabonner Komponisten, deren Chefdirigent er bis vor Kurzem war, ein fast reines Brahms-Programm. Für das Schicksalslied op. 54 reiste auch mit einem großen Chor an, der eine bemerkenswerte Klangfülle aufwies. Der Einsatz des Singvereins hätte nicht nur tonnenweise CO2 gespart, sondern auch einige Passagen, die nicht exakt gestimmt waren.
Anstatt wie geplant mit Mozarts Klarinettenkonzert Pause zu machen, spielte Andreas Ottensamer Luciano Berios Orchesterfassung von Brahms’ Klarinettensonate. Diese seltsame Mischung aus Brahms’schen Melodien und kreativer Orchestrierung, die schon zu seiner Entstehungszeit angedeutet wurde, brach besonders im zweiten Satz hervor, wo Ottensamers erhabene Stimme am besten zur Geltung kam. Viotti servierte Brahms’ Dritte eher würzig als konturenreich und erntete viel Applaus. Pēteris Vasks’ “Agnus Dei” hatte früher starke Momente, blieb aber dramatisch den ganzen Abend über etwas isoliert.