Treffen von Scholz, Habeck, Lindner Ampel kämpft weiter um einen Kompromiss im Atomkraftwerksstreit

Stand: 16.10.2022 19:15

Im Streit um den Weiterbetrieb der drei verbliebenen deutschen Atomkraftwerke wollte die SPD möglichst schnell einen Kompromiss finden. Die Gespräche zwischen Scholz, Habeck und Lindner darüber sollen am Montag fortgesetzt werden.

Noch ist nicht klar, ob die drei verbleibenden Atomkraftwerke in Deutschland weiter betrieben werden sollen oder ob nur zwei davon in Reserve bleiben. Ein Gespräch zwischen Bundeskanzler Olaf Scholz, Wirtschaftsminister Robert Habeck und Finanzminister Christian Lindner im Kanzleramt endete am Nachmittag, doch keiner der drei Ampel-Politiker äußerte sich zum Inhalt. Offenbar war das Schweigen vereinbart. Die Gespräche sollen am Montag fortgesetzt werden.

Scholz versprach am Freitag einen schnellen Deal. „Wir werden die sehr konkrete praktische Frage sehr schnell, schnell nächste Woche lösen“, sagte der SPD-Politiker. SPD-Chef Lars Klingbeil hatte zuvor deutlich gemacht, dass er bis Ende dieser Woche, also heute, von den drei Politikern eine Klärung der Angelegenheit erwarte.

„Die Fronten sind jetzt maximal verhärtet“, Kristin Schwietzer, ARD Berlin, zum Treffen im Kanzleramt zu den Betriebszeiten der Atomkraftwerke

tagesschau24 19:15, 16.10.2022

Die Grünen bestätigen die Richtung der Parteiführung

„Wir müssen uns als Koalition sehr schnell einigen, weil die Bürgerinnen und Bürger zu Recht erwarten, dass wir als Koalition Orientierung geben“, sagte Grünen-Chefin Katharina Dröge im Berlin-Bericht. „Wir brauchen es auch für den Winter. Die Unternehmen, die jetzt handeln müssen, brauchen es auch für den Winter.“ Deshalb gibt es einen Gesetzentwurf, der in den Bundestag eingebracht werden könnte, aber von der FDP nicht mehr unterstützt wird.

Auf dem Parteitag in Bonn am Freitagabend haben die Grünen mit deutlicher Mehrheit beschlossen, die beiden süddeutschen Atomkraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim 2 bis zum 15. April in Reserve zu halten. Bei Bedarf könnten sie weiter zur Stromerzeugung genutzt werden. Das dritte Kernkraftwerk Emsland wird zum 1. Januar 2023 abgeschaltet. Das ist auch der Kurs der Parteiführung.

Dröge: Längere Laufzeiten braucht es nicht

Die FDP hingegen forderte einen Weiterbetrieb der Anlagen bis 2024, um den stark gestiegenen Energiepreisen entgegenzuwirken. Auch die Partei will möglicherweise bereits abgeschaltete Atomkraftwerke reaktivieren.

Es sei nicht nötig, die Atomkraftwerke länger als April am Netz zu lassen, sagt Grünen-Chef Dröge: “Die Notwendigkeit besteht jetzt in diesem Winter.” Es hängt mit der Atomkraftwerkskrise in Frankreich und der Krise zusammen, die durch den Angriffskrieg Russlands verursacht wurde. Mit Blick auf den kommenden Winter würden weitere Maßnahmen für mehr Versorgungssicherheit sorgen – darunter erneuerbare Energien und LNG-Terminals.

„Nötig ist lediglich eine längere Betriebszeit des Atomkraftwerks in diesem Winter“, sagte Katharina Dröge, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.

Bericht aus Berlin 18.00, 16.10.2022

SPD ohne klare Position

Bisher hat sich die SPD nicht klar positioniert. “Mein Eindruck ist, dass es die Leute nicht interessiert, wer in der Atomdebatte politisch etwas bewegt”, sagte SPD-Bundestagssekretärin Katja Mast. Viel wichtiger ist, wie Energiesicherheit hergestellt und Energiepreise gesenkt werden können. „Ich vertraue darauf, dass die Ampel diese Probleme lösen wird. Rechtzeitig und mit der nötigen politischen Ernsthaftigkeit.“

Ein deutlich längerer Betrieb von Kernkraftwerken würde bedeuten, dass neue Brennstäbe angeschafft werden müssten. Die Grünen lehnten es auf dem Parteitag ab. „Bündnis 90/Die Grünen werden keine gesetzliche Regelung im Bundestag akzeptieren, die neue Brennelemente oder das dafür benötigte neue angereicherte Uran bringt“, heißt es in dem angenommenen Antrag. Kurz vor dem Parteitag hatte die Parteispitze betont, das Ergebnis der Abstimmung sei bindend für die anstehenden Gespräche mit SPD und FDP.

Nouripour: „Wir haben eine Lösung“

“Wir hatten eigentlich eine Lösung. Darauf haben wir uns in der Koalition geeinigt”, sagte Grünen-Chef Omid Nouripour. Der sogenannte „Doppelboom“-Beschluss der Bundesregierung besagt, dass im Ernstfall die beiden Kernkraftwerke in Süddeutschland eingeschränkt weiterbetrieben werden können.

Das bedeutet aber auch, dass das Kernkraftwerk Emsland geschlossen wird, so Nouripour. “Das ist die Entscheidung, die wir in der Koalition untereinander vereinbart haben.” Eine langfristige Energiepolitik braucht es für den niedersächsischen Hochofen nicht. “Jetzt sehe ich nicht ein, warum wir etwas ändern sollten.”

Die FDP fordert die Grünen zum Einlenken auf

FDP-Chef Christian Lindner forderte die Grünen zum Einlenken auf. „Wenn es darum geht, Schaden von unserem Land abzuwenden, hohe Energiepreise zu senken und Stromausfälle zu verhindern, dann gibt es für mich keine roten Linien. Hier geht es nicht um Parteipolitik. Ich bin milliardenfach um meinen Steuerschatten gesprungen“, schrieb er . auf Twitter.

Nach offiziellen Angaben erzeugten Kernkraftwerke im ersten Quartal 2022 6 % des Stroms in Deutschland und Gaskraftwerke 13 %. Gaskraftwerke erzeugen neben Strom oft auch Heizwärme und können daher nicht einfach durch ein Kernkraftwerk ersetzt werden. Atomkraftwerke sind schwer steuerbar und eignen sich daher nicht für eine flexible Kombination mit Wind- oder Solarenergie. Da die verbleibenden drei Kernkraftwerke bis Ende 2022 abgeschaltet werden sollen, wurden auch längst überfällige Sicherheitsüberprüfungen nicht durchgeführt.

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