Ukraine-Krieg: „Wenn Putin gestürzt oder getötet wird, droht Russland im Chaos zu versinken“

Veröffentlicht am 17. September 2022, 10:48 Uhr

Ukraine-Krieg: „Wenn Putin gestürzt oder getötet wird, droht Russland im Chaos zu versinken“

Zwar hat Wladimir Putin international nur wenige Freunde, doch seine Machtposition im eigenen Land ist laut einem Experten nach wie vor gesichert. Aber wenn Putin schwerwiegende Fehler macht, könnten Aufstände ausbrechen.

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Laut Osteuropa-Experte Alexander Dubowy ist Vladimirs Machtposition noch gesichert. Ruft er zur Mobilisierung auf oder müssen die Menschen der großen Staaten ihren Lebensstandard drastisch reduzieren, kann es zu zivilen Aufständen kommen.

ÜBER REUTERS

Putin traf am Donnerstag mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping zusammen. Allerdings, so Dubowy, könne Putin keine große Hilfe von ihm erwarten.

AFP

Im Gegenteil: Peking diktiert die Bedingungen der Gaslieferverträge zwischen Russland und China. China werde Russlands Schwäche ausnutzen, sagt Dubovy.

Reuters

  • Wladimir Putin hat sich am Donnerstag mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping getroffen. Verbündete seien sie aber nicht, sagt Osteuropa-Experte Alexander Dubowy. Das Treffen hat symbolischen Charakter.

  • Überhaupt hat Putin auf internationaler Ebene fast keine Freunde. In seinem Land ist seine Machtposition nach wie vor gesichert.

  • Laut dem Experten hängt die russische Elite von Putin ab.

  • Für Putin kann es kompliziert werden, wenn die Bevölkerung der Großstädte ihren Lebensstandard verliert; dann sind zivilrechtliche Proteste nicht auszuschließen.

Wladimir Putin hat sich am Mittwoch in Usbekistan mit Xi Jinping getroffen. Wird China Russland im Krieg unterstützen?

China will sich in diesen Krieg nicht einmischen. Auch die finanzielle Unterstützung ist begrenzt. Während China westliche Sanktionen nicht unterstützt, tut es wenig, um Russland zu erlauben, sie zu umgehen. Chinesische Unternehmen wie Huawei ziehen sich nach und nach aus Russland zurück. Das Treffen hat eher symbolischen Charakter.

Welche anderen Verbündeten hat Russland?

Eigentlich keine. Zumindest keiner, der bereit ist, die Folgen dieses Krieges zu akzeptieren und Verantwortung dafür zu übernehmen. Der engste Verbündete, Weißrussland, ist einfach zu abhängig, um seine eigene Politik zu verfolgen. Und da in der Ukraine auch Angriffe aus Weißrussland stattfinden, ist das Land faktisch eine Kriegspartei. Nicht einmal Nordkorea will sich in diesen Krieg einmischen. Sie verkaufen Waffen an Russland, aber wir werden in diesem Krieg keine nordkoreanischen Kämpfer oder Truppen sehen. Auch Russlands Verbündeter Kasachstan erteilte Putin am Dienstag eine klare Absage aus Angst vor US-Sanktionen. Und im Südkaukasus läuft Putin Gefahr, sein Gesicht zu verlieren, wenn er Armenien nicht zu Hilfe eilt.

“Russland droht, ein Anhängsel und Energielieferant von China und Indien zu werden”.

Alexander Dubowy

Aber kauft China Gas von Russland?

Ja. Doch zunächst muss die Infrastruktur für die Gaslieferung nach China ausgebaut werden. Und zweitens weiß China das sehr genau: Außer China und Indien hat Russland kaum eine Alternative, um sein Gas zu verkaufen. Daher dürfte Peking die Bedingungen der neuen Gaslieferverträge zwischen Russland und China diktiert haben. Russland droht zum Anhängsel und Energielieferanten Chinas und Indiens zu werden.

Deshalb hat Putin fast keine Freunde im Ausland. Und auf nationaler Ebene?

Innenpolitisch ist Putins Machtposition unbestritten. Eine große Mehrheit befürwortet den „militärischen Sondereinsatz“. Es gibt zwei Gruppen von Eliten: diejenigen, die den Krieg unterstützen, und diejenigen, die auf Kompromissen bestehen. In der zweiten, viel kleineren Gruppe befinden sich die Menschen, die Russlands Wirtschaft am Laufen halten. Beide Gruppen sind durch Putin reich geworden und beide Gruppen brauchen Putin als Richter und Schiedsrichter. Wenn er gestürzt oder getötet würde, würde Russland ins Chaos stürzen. Dann wäre ein Bürgerkrieg nicht ausgeschlossen.

In letzter Zeit wurden jedoch immer mehr Stimmen der Opposition laut.

Ja. Aber das ist vergleichbar damit, wenn ein Gemeinderat in der Schweiz den Rücktritt eines Bundesrats fordert. Diese Menschen zeigen unglaublichen Mut, weil sie wissen, dass sie mit ihrem Leben bezahlen können, wenn sie sich öffentlich gegen Putin stellen. Politisch machen sie jedoch keinen Sinn.

„Sozial motivierte Aufstände können Putin gefährlich werden. Eine Mobilisierung wäre das Ende der russischen Leidensfähigkeit.“

Alexander Dubowy

Wie verändern Kriegsniederlagen die Stimmung in Russland?

Der Krieg in der Ukraine interessiert die meisten Russen genauso wie der Krieg in Afghanistan, das heißt kaum. Während Russland in der Ukraine seine – abgesehen vom Tschetschenienkrieg – größte militärische Niederlage der jüngeren Geschichte hinnehmen musste, wurde in Moskau das Jubiläum mit Gesang, Tanz und Lachen gefeiert.

Putins Machtposition darf also gar nicht ins Wanken geraten?

Jedoch. Zweifellos können ihm sozial motivierte Aufstände gefährlich werden. Eine Generalmobilmachung kommt deshalb auch für Putin nicht infrage: Sie würde bedeuten, dass Väter, Brüder und Kinder in den Krieg gerufen würden. Spätestens dann wäre die russische Ausdauer erschöpft und es würde zu Aufständen kommen. Dasselbe könnte passieren, wenn der Lebensstandard der Bevölkerung durch die jetzt zu greifenden westlichen Sanktionen stark reduziert würde.

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