„Winterreise“ von Oliver Welter: Ohne Schutzschild unterwegs

Ein Mensch geht mühsam durch die Winterlandschaft. Ein unglücklich verliebter Wanderer, der den menschlichen Kontakt meidet und nicht nur an verlorene Liebe, sondern auch ans Dasein denkt. Ein “tödlich verwundeter” Charakter, der sozusagen von unerwiderter Zuneigung erdrückt wurde. Dieser vom Dichter Wilhelm Müller (1794 – 1827) geschaffene Wanderer erblickte in der Gedichtsammlung „Siebenundsiebzig Gedichte aus den Nachlässen eines französischen Trompeters“ das traurige Licht der Welt.

Seit fast 200 Jahren arbeitet die Nachwelt an dem von ihm übernommenen Liederzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert. Schubert verwandelte Müllers auf den ersten Blick einfache Verse in ein Werk von umwerfender Intensität und hypnotisierender Dichte. Die 24 Lieder wurden tausendfach aufgeführt, etwa 100 Mal aufgenommen, und die „Tiller“ wurde als „Brunnen vor der Tür“ zum Volkslied. Der britische Sänger Ian Bostridge, selbst ein hervorragender Interpret des Zyklus, hat der „Winterreise“ vor einigen Jahren ein eigenes Buch gewidmet, Elfriede Jelinek und Bertolt Brecht haben es literarisch weiterverarbeitet usw.

Natürlich gibt es zahlreiche musikalische Bearbeitungen des Zyklus. Oliver Welter, der als Leadsänger der formidablen Rockband Naked Lunch berühmt wurde, wäre nie auf die Idee gekommen, als Schubert-Interpret aufzutreten. Der für seine emotionale Intensität bekannte Sänger brauchte viel Überzeugungsarbeit und ein persönliches Gespräch, bevor er es endlich wagte: „Ich habe die fantastische Pianistin Clara Breakfast kennengelernt. Wir haben einen ähnlichen Musikgeschmack“, sagt Welter. Mit dem klassisch ausgebildeten Pianisten konnte er die lange Erkundungsreise dieses Zyklus unternehmen. „Wir haben unglaublich lange recherchiert und gesucht, um unseren eigenen Ansatz zu finden“, sagt Welter. Sie probten zweieinhalb Jahre lang, bevor sie an die Öffentlichkeit gingen. Trotz einigem Kronenbruch immense Lieferzeit. “Es war ein toller, toller Kampf, der sehr viel Spaß gemacht hat.” Ein todernster Spaß, der inzwischen auf CD erschienen ist.

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