Zugunglück bei Garmisch: Was wir wissen

Was ist passiert?

Am Freitag kurz nach 12 Uhr verließ der Regionalzug RB59458 Garmisch-Partenkirchen, sollte um 13:26 Uhr am Münchner Hauptbahnhof ankommen, kam aber nie an. Wenige Minuten nach der Abfahrt bog der Zug mit zweistöckigen Waggons in eine lange Kurve und entgleiste. Drei der fünf Waggons rutschten von den Gleisen, die auf einem Bahndamm aufgeständert sind. Ein Auto hing quer über der Böschung. Die anderen beiden Wagen stürzten, einer lag auf der Seite und der andere auf dem Dach.

Was ist über die Opfer bekannt?

Passagiere kämpften sich aus den Autos, aber nicht alle schafften es. Bei dem Zugunglück kamen mindestens fünf Menschen ums Leben. Eine Person sei auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben, es handele sich um eine Frau, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Freitagabend dem Bayerischen Rundfunk. Drei weitere tote Frauen wurden unter dem Zug liegend gefunden und am Freitagabend geborgen. Ihre Identität konnte nicht festgestellt werden, Herrmann, weil sie stark entstellt waren. Laut Polizei sind keine Kinder unter den Toten.

Ein fünftes Opfer wurde am Samstagnachmittag gefunden, während die Rettungsarbeiten fortgesetzt wurden, bestätigte die örtliche Polizei.

15 Menschen wurden bei dem Zugunglück schwer verletzt und mussten in ein Krankenhaus gebracht werden. Viele weitere Passagiere erlitten leichte Verletzungen. Nach Angaben der Polizei wurden am Samstagnachmittag insgesamt 44 Menschen verletzt.

Im Zug befanden sich zum Unfallzeitpunkt etwa 140 Fahrgäste, darunter vermutlich viele Schulkinder, da der Unterricht gerade beendet und die Pfingstferien begonnen hatten.

Müssen wir mehr Tote befürchten?

Am Samstagnachmittag ging die Polizei zunächst nicht davon aus, dass nach der Bergung des fünften Opfers weitere Tote geborgen werden könnten. Das kann man am Ende aber nicht sagen.

Was ist die Unfallursache?

Laut einem Augenzeugen kippte der Zug plötzlich um. Nach ersten Hypothesen könnte der Schaden am Gleis die Ursache sein. Es ist noch nicht bekannt, warum der potenzielle Routenfehler aufgetreten ist. Bundespolizei und Kriminalpolizei ermitteln.

Bernreiter sagte am Freitag am Unfallort: „Wir werden genau untersuchen, was das Zugunglück verursacht hat.“ Fest steht laut Bernreiter: „Es war kein zweiter Zug oder anderes Fahrzeug beteiligt.“ Die Bahnstrecke ist an der Unfallstelle eingleisig. Es kann Tage oder Wochen dauern, bis die Informationen verfügbar sind.

Wo ist der Unfall passiert?

Die Absturzstelle liegt wenige Kilometer vom oberbayerischen Ferienort Garmisch-Partenkirchen entfernt im Landkreis Burgrain im idyllischen Loisachauen. Die nächste Station des Zuges wäre Farchant gewesen, das weniger als zwei Meilen entfernt ist.

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Der Unfall ereignete sich in einer langen Linkskurve kurz vor der Überquerung der Loisach. Die Gleise sind auf einem Bahndamm aufgeständert, die Bundesstraße 2 verläuft direkt neben den Gleisen.

Die Gegend ist ein beliebtes Ausflugs- und Urlaubsziel. Die Burgruine Werdenfels liegt auf einem Felsen oberhalb von Burgrain, einem attraktiven Wanderziel mit herrlichem Blick auf das Wettersteingebirge.

Wie war die Rettungsaktion?

Nach Angaben von Bayerns Verkehrsminister Bernreiter waren am Freitag rund 650 Helfer am Unglücksort. Sie kamen aus ganz Süddeutschland. Zwölf Rettungshubschrauber haben das Gebiet umstellt. Feuerwehr, Notarzt und Polizei zogen Fahrgäste aus den Fenstern, in nur 45 Minuten seien sie alle aus dem Zug gerettet worden, sagte Landrat Anton Speer (Freie Wähler).

Außerdem fuhren 15 Bergkinder aus der Mittenwalder Kaserne, die zufällig im Unfallzug saßen, dorthin. Ihre Teilnahme sei sehr hilfreich, sagte Bayerns Innenminister Herrmann am Freitag.

Wie ist die Situation vor Ort?

Die Bergungsarbeiten gestalteten sich zunächst schwierig, da am Freitagabend heftiger Regen Helfer zeitweise außer Gefecht setzte. Zwei Versuche, die Waggons anzuheben, schlugen fehl. Am Samstagnachmittag gelang es den Kränen, mindestens einen Waggon zu bergen und auf die benachbarte Bundesstraße 2 zu heben. Das fünfte Opfer wurde gefunden. Die Reinigungsarbeiten werden am Sonntag fortgesetzt. Unter anderem muss ein spezieller 250-Tonner eingesetzt werden, um die Lokomotive wieder auf das Gleis zu heben. Außerdem muss der umgestürzte Waggon, der auf der Hauptstraße angehoben worden war, entfernt werden.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) traf am Freitagabend am Unglücksort in Burgrain ein. „Ich bin zutiefst schockiert“, sagte sie. “Es ist eine schreckliche Katastrophe.” Am Samstag machten sich auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) und Bahnchef Richard Lutz ein Bild von der Lage.

Wie genau schwere Gerätewagen vom Gleis geholt werden sollen, sei noch nicht geklärt, sagte Lutz: „So ein Wagen wiegt 50 Tonnen.“

Was kommt als nächstes?

Die Bahnstrecke zwischen Garmisch-Partenkirchen und Oberau ist bis auf Weiteres gesperrt. Es wird wohl mindestens bis Mitte nächster Woche dauern, bis die Gleise wieder öffnen. Bernreiter ist für mindestens zwei Wochen gesperrt.

Außerdem ist die stark befahrene Bundesstraße 2, die direkt an den Gehwegen vorbeiführt, gesperrt. Die Autobahn A95, die viele Touristen nutzen, um nach Italien zu gelangen, ist an der Anschlussstelle Sindelsdorf nach Süden gesperrt. Eine Umleitung ist signalisiert. Diese Kürzungen werden wohl noch einige Tage bestehen bleiben.

Gab es schon einmal einen ähnlichen Unfall?

Der Schrecken des tödlichen Unfalls ist besonders groß, weil es in Bayern in den vergangenen Jahren zu mehreren schweren Eisenbahnunglücken gekommen ist. Erst Mitte Februar dieses Jahres kollidierten auf einer eingleisigen Strecke nach Schäftlarn-Ebenhausen bei München zwei Züge der S7-Bahn der Linie S7 frontal. Bei dem Unfall starb ein 24-jähriger Mann, 18 Menschen wurden verletzt. Offenbar hatte eine der beiden Lokomotiven ein rotes Signal ignoriert, die Ermittlungen zur Ursache dauern an.

Vor vier Jahren stieß ein Regionalzug auf der Strecke Ingolstadt-Augsburg mit einem in Aichach haltenden Güterzug zusammen, wobei zwei Menschen ums Leben kamen. Vor sechs Jahren wurden in Bad Aibling zwölf Menschen getötet und 89 verletzt, als zwei Meridian-Züge auf einer eingleisigen Strecke frontal zusammenstießen. Die Ursache: Ein Disponent wurde abgelenkt, weil er mit seinem Handy spielte und dann falsche Signale sendete.

Das schwerste Zugunglück der jüngeren deutschen Geschichte ereignete sich im niedersächsischen Eschede, als ein ICE entgleiste und 102 Menschen starben. Die Tragödie ereignete sich am 3. Juni 1998, genau 24 Jahre vor dem Tag vor der Katastrophe von Garmisch-Partenkirchen.

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