„Dornröschen“ im Stachelgarten: Ballett an der Staatsoper

25. Oktober 2022

++ VOLL ++ „Dornröschen“: Hyo-Jung Kang als Prinzessin Aurora © APA/Wiener Staatsoper/Ashley Taylor

Die Prinzessin schläft seit hundert Jahren, die Dornen wachsen wild, die Geschöpfe des Waldes laden zum Tanzen ein. In der Wiener Staatsoper ist am Montagabend ein neues „Dornröschen“ erwacht: In der abendfüllenden Premiere präsentierte Ballettdirektor Martin Schläpfer eine behutsame Aktualisierung des Märchenklassikers von Tschaikowsky und Petipa. Für seine bisher wohl traditionsreichste Kreation erhielt der Chefchoreograf ein sehr gemischtes Echo vom Publikum.

Mit seiner Version von „Schwanensee“ triumphierte Schläpfer vor vier Jahren beim Ballett am Rhein, einem zeitgenössischen Klassiker als Neuinterpretation des großen Repertoires. Ihre ausdrucksstarke Tanzsprache lebt von der Spannung zwischen traditionellem, abstraktem Vokabular und dem direkten Körpertheater von heute und ist dort am stärksten, wo sie diese Spannung mit ihrer ganzen Körperlichkeit dehnt, dreht und durchdringt. Das zweite Idealwerk von Pjotr ​​Iljitsch Tschaikowsky und Marius Petipa, „Dornröschen“, hat nun in der Entwicklung mit ihrer Wiener Firma viel zahmere, angenehmere und auch willkürlichere Ergebnisse geliefert.

Akzente werden dort gesetzt, wo sie der Charakterisierung dienen, auch bei Nebencharakteren. So bekommen beispielsweise der König und die Königin menschliche und tänzerische Präsenz (Olga Esina und Masayu Kimoto), Catalabutte (Jackson Carroll) und Carabosse (Claudine Schoch) erzählen in kurzen Performances emotionale Geschichten. Schläpfer erweitert Dornröschens Traum, der im Original nur eine Bekehrungspause dauert, um eine neue meditative Szene mit Musik von Giacinto Scelsi, die mit wenigen kurzen Momenten eine zusätzliche Dimension eröffnet, ein wundersames Reich aus Natur, Zeit und Stille , die der Frau des Waldes und der Fauna (wunderbar: Yuko Kato und Daniel Vizcayo).

Mutige Einschnitte, subversive Kommentare oder eine Verfeinerung der traditionellen Logik des Erzählballetts zwischen Blumenwald und Ährengarten sucht man den Rest des Abends mit der Lupe. Schläpfers Arbeiten entstehen immer im engen Dialog mit den Tänzern – im großen Ganzen der Compagnie werden große Unterschiede in der Detailschärfe, in Originalität und erzählerischer Kraft sichtbar. Dieses „Dornröschen“ soll für jeden etwas bieten, vom technologischen Spektakel des bravura pas de deux (Festzeit für Aurora Hyo-Jung Kang und ihren Prinzen Desiré Brendan Saye sowie das Vogelpaar Davide Dato und Kiyoka Hasimoto) zum offensiv magischen Charme bunter Märchenfiguren. Großartiges Geschichtenerzählen mit konsistenter emotionaler Wahrheit findet jedoch nicht statt.

Beim Premierenpublikum gab es viel Beifall für die Solisten und für das Orchester der Staatsoper – prominenter hätte das Debüt von Neo-Konzertmeister Yamen Saadi mit den großen und zarten Violinsoli von „Dornröschen“ kaum sein können –, aber neben dem allgemeinen Beifall auch eine starke Abneigung gegen die Choreographie.

„Dornröschen“ von Martin Schläpfer, Pjotr ​​Iljitsch Tschaikowsky und Marius Petipa. Musikalische Leitung: Patrick Lange, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Catherine Voeffray. Wiener Staatsballett. Weitere Termine an der Wiener Staatsoper am 26. Oktober, 1., 4., 7., 12., 20. November, 21., 23., 27., 29. Dezember. wiener-staatsoper.at

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